Wenn Steinschlagschutzsysteme altern: Sachkundelehrgang „Betrieb, Inspektion, Unterhalt von flexiblen Sicherungsbauwerken gegen Naturgefahren“

Verfasst am 20.09.2021

Mit dem steigenden Flächenbedarf für den menschlichen Nutzungsraum, der räumlichen Verdichtung von Bevölkerung und Sachwerten sowie der Häufung von Extremwetterereignissen gewinnen Steinschlagschutzsysteme, wie sie vielfach zum Schutz von Straßen, Gebäuden und Bahntrassen eingesetzt werden, an immer größerer Bedeutung. Doch mit der bloßen Errichtung von Sicherungsbauwerken ist die Arbeit nicht getan

Mit einer sorgfältigen Erkundung des Naturraums und potenzieller Gefahren und einer fundierten Planung von Sicherungsbauwerken können Gefahrenräume entschärft und in einen sicheren Nutzungsraum überführt werden. Jedoch ist jedes Sicherungsbauwerk nur für eine bestimmte Nutzungsdauer ausgelegt und äußere Einflüsse können die Lebensdauer und Funktionstauglichkeit des Systems zusätzlich beeinträchtigen und verkürzen. Es liegt daher in der Verantwortlichkeit der Bauherren, die Sicherungsbauwerke in regelmäßigen Intervallen inspizieren zu lassen.

Steinschlagschutzzaun oberhalb von Bahngleisen mit Treffer

Inspektion eines Steinschlagschutzzaunes auf dem Testgelände der Geobrugg AG in Walenstadt

Um mehr Expertise bei der Bewertung der Schutzsysteme und ihrer Schutzwirkung zu erlangen, besuchten die Felssachverständigen Simone Pflaum und Carina Schmitz den dreitägigen Sachkundelehrgang „Betrieb, Inspektion, Unterhalt von flexiblen Sicherungsbauwerken gegen Naturgefahren“ in Walenstadt (CH). Veranstalterin war die Geobrugg AG, einer der weltweit führenden Hersteller von Schutzsystemen mit Sitz in Romanshorn (CH).

Auftakt bildete eine Theorie-Einheit, in der die 18 Teilnehmer der Fortbildung detaillierte Inhalte zu verschiedenen Richtlinien, Zulassungen und Normungen erlernten, Anhaltspunkte für die Bewertung unbekannter Systeme erhielten und Einflussfaktoren auf Nutzungsdauer und Funktionstauglichkeit (z. B. Ereignisse, Montagefehler, Korrosion, Vegetation, Vandalismus, regelmäßige Inspektionen) diskutierten.

Am zweiten Tag wurden verschiedene Steinschlagschutzsysteme auf dem Testgelände Walenstadt inspiziert. Die Herausforderung bei der Inspektion liegt nicht in der Erkennung grober Mängel, wie z. B. beschädigte Geflechte, Stützen oder angeschlagene Bremsen. Vielmehr ist ein geschultes Auge gefragt, um kleine Mängel, wie das Fehlen einer einzelnen Drahtseilklemme oder den Einbau ungeeigneter Ersatzteile zu erkennen. Auch bedarf es einer systematischen Herangehensweise für die Beurteilung, ob ein beschädigtes Teil ausgetauscht werden muss oder im System belassen werden kann. Beeinträchtigt beispielsweise eine nur leicht verformte Bremse die Gesamtfunktionstauglichkeit des Bauwerks und wie stark dürfen einzelne Verbindungselemente korrodiert sein, bevor sie ausgetauscht werden müssen? Eine Entscheidungshilfe bietet dabei die Zuweisung einer Schadensstufe zwischen „1“ und „3“ und die Beurteilung, ob es sich um ein Bauteil hoher, mittlerer oder niedriger Priorität handelt.

Auf’s Detail kommt’s an: Prüfung der Drahtseilklemmen auf ihre korrekte Ausrichtung im Hinblick auf belastetes und unbelastetes Seil

Besichtigung des Prüflabors

Zum Abschluss des Sachkunde-Lehrgangs wurden das Prüflabor und die Produktion der Geobrugg AG besichtigt. Hier erhielten die Lehrgangs-Teilnehmer Einblicke in die Durchführung von Materialprüfungen (z. B. Biegeversuche, Zugfestigkeitsversuche) und in die hochspezialisierten Fertigungsmaschinen für die Herstellung von z. B. Netzen und Geflechten.

Zwischen den einzelnen Programmpunkten fand ein wertvoller Austausch sowohl mit dem Team der Geobrugg AG als auch mit den anderen Teilnehmern des Lehrgangs statt. Mit Teilnehmern aus verschiedenen Ingenieurbüros, Felssicherungsfirmen und Behörden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ergab sich nicht nur ein länderübergreifender, sondern auch interdisziplinärer Erfahrungsaustausch, von dem alle Beteiligten auch noch weit über die drei Tage vor Ort profitieren.

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